ERDMANN
LOTHAR
( 1888 - 18.09. 1939)
In
einem Brief vom 19. Juli 1934 schreibt er an seinen Sohn: «Manche
älteren Leute sagen, die Aufgabe der Jugend sei Enthusiasmus, Hingabe,
Glaube, Gehorsam.
Enthusiasmus?
Ja, aber nur für Menschen und Ideen, zu denen man sich auch dann
leidenschaftlich positiv stellen kann, wenn man sie auf Herz und Nieren
prüft.
Glauben?
Gewiss, aber nur an glaubwürdige Menschen, nur an Gedanken, die aus der
Wahrheit sind und keiner Reklame bedürfen, die in sich überzeugend,
fruchtbar und lebensgemäss sind. Die Wahrheiten, die heute auf den Märkten
ausgeklingelt werden, sehen verdächtig nach Ausverkauf billiger Ramschware
aus.
Gehorsam?
Sicherlich, aber er ist nur da am Platz, wo ein einfacher Zweckgedanke -
wie zum Beispiel im Heer – klare Unterordnungsverhältnisse verlangt;
überall sonst ist der Verzicht auf Prüfung eine Auslieferung der eigenen
Zukunft und der Zukunft unseres Volkes an den historischen Zufall, das
blinde historische Verhängnis, das oft genug diejenigen zu Führern
bestellt, denen blind zu gehorchen ein Verbrechen an der eigenen
Generation wie den kommenden Geschlechtern wäre.
Literatir;
Das Gewissen steht auf./1954
MOSAIK VERLAG • BERLIN -FRANKFURT/MAIN