ABSCHIEDSBRIEFE ( 1933 -1945)

 

Der letzte Brief

BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe.
 Sein Aroma ist köstlich. Was sonst in armseliger
 Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens,
Glaubens Liebens
– im letzten Brief
wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört  - aber sein Ethos
wächst darüber hinaus. Beide – Pathos und Ethos –
werden aufgenommen in die hohe Stimme
einer nie zu  entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal
der letzten Takte der neunten Symphonie,
die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 
Ilse  Linden
  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 
 

 



 

 

ERDMANN LOTHAR

( 1888 -  18.09. 1939)
 

In einem Brief vom 19. Juli 1934 schreibt er an seinen Sohn: «Manche älteren Leute sagen, die Aufgabe der Jugend sei Enthusiasmus, Hingabe, Glaube, Gehorsam.

Enthusiasmus?


Ja, aber nur für Menschen und Ideen, zu denen man sich auch dann leidenschaftlich positiv stellen kann, wenn man sie auf Herz und Nieren prüft.

Glauben?
 

Gewiss, aber nur an glaubwürdige Menschen, nur an Gedanken, die aus der Wahrheit sind und keiner Reklame bedürfen, die in sich überzeugend, fruchtbar und lebensgemäss sind. Die Wahrheiten, die heute auf den Märkten ausgeklingelt werden, sehen verdächtig nach Ausverkauf billiger Ramschware aus.

Gehorsam?

Sicherlich, aber er ist nur da am Platz, wo ein einfacher Zweckgedanke - wie zum Beispiel im Heer – klare Unterordnungsverhältnisse verlangt; überall sonst ist der Verzicht auf Prüfung eine Auslieferung der eigenen Zukunft und der Zukunft unseres Volkes an den historischen Zufall, das blinde historische Verhängnis, das oft genug diejenigen zu Führern bestellt, denen blind zu gehorchen ein Verbrechen an der eigenen Generation wie den kommenden Geschlechtern wäre.

 

Literatir; Das Gewissen steht auf./1954  MOSAIK VERLAG • BERLIN -FRANKFURT/MAIN

 

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