Marianne Joachim geb. Prager (1921–1943)
Meine lieben Schwiegereltern, 4.März 1943
nun müsst Ihr zum zweiten Male die traurige Gewissheit erfahren, dass Ihr
ein Kind verloren habt; wenn es auch diesmal nur Eure Schwiegertochter
ist. Mir tut bloss leid, dass ich nicht an ein Jenseits glauben kann;
sonst wäre ich schon jetzt glücklich in der Vorfreude auf ein Wiedersehen
mit meinem, Eurem Heini. – Aber auch so fällt es mir nicht schwer, aus dem
Leben zu gehen; mir tun nur Vati und Mutti so unsagbar leid! Steht ihnen
bei in dieser schweren, für sie schwersten Zeit! Ich habe ihnen immer noch
Hoffnung gemacht – obwohl ich selbst gar keine mehr hatte – ich dachte
nämlich, dass sie inzwischen nicht mehr hier sind und dadurch meine
Hinrichtung nicht mehr erfahren.
Aber nun müssen sie sich in“ „das Unvermeidliche schicken und
versuchen, das Schwerste zu tragen – genau, wie ich versucht habe, gefasst
meinen schwersten Schicksalsschlag vor nunmehr fünf Monaten – als ich
davon erfuhr – zu überwinden. Ganz bin ich nie damit fertig geworden, aber
kein einziger Mensch hat erfahren, was ich damals durchgemacht habe. Na,
Dir, liebe Mama, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, wie sehr ich
gelitten habe! –
Meinen Nachlass habe ich an Deine Adresse gehen lassen, liebe Mama, weil
ich doch nicht weiss, wie lange meine lieben Eltern noch hier sind. Nun
will ich Euch, meine liebe Mama, lieber Alfons-Papa, Rudi, Nanni, Stupsi,
meine süssen Lieblinge Gertchen und Werner, noch meine letzten Grüsse
sagen und alles erdenkliche Gute wünschen! Ganz besonders herzliche Grüsse
an Erich, dem ich in Gedanken kräftig die Hand drücke. Auch den andern
Verwandten, Familie Reetz, Neumann, Arndt u.s.w. letzte Grüsse.
Lasst mein kleines Muttchen und Vati nicht allein! Helft ihnen ein
bisschen! Auch Euch danke ich für alles Liebe und Gute! Herzliche
Abschiedsküsse Euch allen
von Eurer Marianne.“