ABSCHIEDSBRIEFE ( 1933 -1945)

 

Der letzte Brief

BRIEFE BERÜHMTER MENSCHEN

 

Der letzte Brief: der königliche aller Briefe.
 Sein Aroma ist köstlich. Was sonst in armseliger
 Verteilung aus Briefen blüht:
Genialität des  Denkens,
Glaubens Liebens
– im letzten Brief
wird er zu einer  Synthese.
Sein  Pathos ist unerhört  - aber sein Ethos
wächst darüber hinaus. Beide – Pathos und Ethos –
werden aufgenommen in die hohe Stimme
einer nie zu  entwirrenden Mystik.  Es ist das Schicksal
der letzten Takte der neunten Symphonie,
die eingehen in die Seligkeit eines metaphysischen Soprans. ....

 
Ilse  Linden
  Der letzte Brief Eine Sammlung letzter Briefe
Herausgegeben von Ilse Linden /Erschienen bei Oesterheld & Co Verlag
Berlin 1919
 
 

 



 

 Marianne Joachim geb. Prager (1921–1943)

 

 


 


Meine lieben Schwiegereltern, 4.März 1943


nun müsst Ihr zum zweiten Male die traurige Gewissheit erfahren, dass Ihr ein Kind verloren habt; wenn es auch diesmal nur Eure Schwiegertochter ist. Mir tut bloss leid, dass ich nicht an ein Jenseits glauben kann; sonst wäre ich schon jetzt glücklich in der Vorfreude auf ein Wiedersehen mit meinem, Eurem Heini. – Aber auch so fällt es mir nicht schwer, aus dem Leben zu gehen; mir tun nur Vati und Mutti so unsagbar leid! Steht ihnen bei in dieser schweren, für sie schwersten Zeit! Ich habe ihnen immer noch Hoffnung gemacht – obwohl ich selbst gar keine mehr hatte – ich dachte nämlich, dass sie inzwischen nicht mehr hier sind und dadurch meine Hinrichtung nicht mehr erfahren.
 Aber nun müssen sie sich in“  „das Unvermeidliche schicken und versuchen, das Schwerste zu tragen – genau, wie ich versucht habe, gefasst meinen schwersten Schicksalsschlag vor nunmehr fünf Monaten – als ich davon erfuhr – zu überwinden. Ganz bin ich nie damit fertig geworden, aber kein einziger Mensch hat erfahren, was ich damals durchgemacht habe. Na, Dir, liebe Mama, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, wie sehr ich gelitten habe! –
Meinen Nachlass habe ich an Deine Adresse gehen lassen, liebe Mama, weil ich doch nicht weiss, wie lange meine lieben Eltern noch hier sind. Nun will ich Euch, meine liebe Mama, lieber Alfons-Papa, Rudi, Nanni, Stupsi, meine süssen Lieblinge Gertchen und Werner, noch meine letzten Grüsse sagen und alles erdenkliche Gute wünschen! Ganz besonders herzliche Grüsse an Erich, dem ich in Gedanken kräftig die Hand drücke. Auch den andern Verwandten, Familie Reetz, Neumann, Arndt u.s.w. letzte Grüsse.
Lasst mein kleines Muttchen und Vati nicht allein! Helft ihnen ein bisschen! Auch Euch danke ich für alles Liebe und Gute! Herzliche Abschiedsküsse Euch allen
von Eurer Marianne.“


 

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Verzeichnis

Literatur; Berlin-Plötzensee, 4. März 1943; Jüdisches Museum Berlin